06/07/2026 0 Kommentare
Predigt zum Bonhoeffer-Gottesdienst
Predigt zum Bonhoeffer-Gottesdienst
# Gottesdienste

Predigt zum Bonhoeffer-Gottesdienst
Für alle, die den bewegenden Gottesdienst zur Enthüllung der Bonhoeffer-Gedenktafel am 5. Juli nicht miterleben konnten - hier können Sie die Predigt von Pfarrer Jochen Michalek nachlesen. Die Ausstellung bleibt noch eine Weile in der Kirche stehen. Sie haben also weiterhin Gelegenheit, sie sich anzusehen.
Predigttext: Lukas 5, 1-11 (Der Fischzug des Petrus)
1.
Jesus am See Genezareth. Das Volk bedrängt ihn. Er steigt in ein Fischerboot, das am Ufer liegt. Zufällig ist es das Boot von Simon, dem er später den Beinamen Petrus, also Felsen geben wird. Simon Petrus stößt ein wenig vom Ufer ab. So können nun alle Jesus besser hören. Als Jesus zu Ende gesprochen hat, fordert er Simon auf, fischen zu gehen. Tagsüber! Wo es tief ist! Dabei weiß jeder Fischer, dass man am besten nachts fischt und zwar im flachen Wasser am Ufer. Simon äußert leisen Zweifel, aber die Rede Jesu muss ihn beeindruckt haben. Gegen alle Erfahrung will er´s versuchen. Sie fahren hinaus und werfen die Netze aus. Und siehe da: Sie machen einen gewaltigen Fang. Das zweite Boot muss herbeigerufen werden, damit sie überhaupt alle Fische laden können. Allerdings: von überschwänglicher Freude, oder gar von einem Begeisterungssturm keine Spur! Nein: Simon erschrickt zutiefst: Was geschieht hier? Dieser Jesus überschüttet ihn mit Fischen! Wieso gerade ihn? Nein, das muss ein Missverständnis sein! In Simons Welt kommt so etwas nicht vor. Jesus ist bei ihm völlig falsch. Simon bittet Jesus: Geh weg von mir! – Doch Jesus bleibt hartnäckig. Doch, genau Dich suche ich! Komm Du mit mir! Du sollst noch viel größere Wunder sehen – und Menschenfischer werden! Und Simon tut´s. Er verlässt seine Netze und geht mit Jesus.
Auch der junge Dietrich Bonhoeffer will mit Jesus gehen.
Im Kirchenbuch der Grunewaldgemeinde findet sich unter den Konfirmationen des Jahres 1921 der Eintrag von Dietrich Bonhoeffer und seiner Zwillingsschwester Sabine.
Damals bereits wurden im Kirchenbuch auch sog. Denk-Sprüche notiert. Als Dietrich Bonhoeffers Konfirmationsspruch ist festgehalten: Römerbrief, Kap 1, Vers 16.
Auf unserer Gedenktafel steht im Wesentlichen die Fassung der damals gültigen Lutherübersetzung von 1912: Ich schäme mich des Evangeliums von Christus nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben, die Juden vornehmlich und auch die Griechen.
Auf dem Konfirmationsschein hat sein Pfarrer Hermann Priebe den Vers auf griechisch, also in der biblischen Originalsprache vermerkt. Altgriechisch lernte Dietrich Bonhoeffer bereits am Grunewaldgymnasium.
Und es ist davon auszugehen, dass Dietrich sich den Denkspruch selbst ausgewählt hat. Dies entspräche jedenfalls dem Selbstverständnis der Familie Bonhoeffer und dem Selbstbewusstsein von Dietrich.
Er las zu dieser Zeit die Bibel bereits selbständig. Über die Konfirmandenzeit hat er später so gut wie nichts erzählt oder geschrieben, was überkommen wäre. Teilweise war er interessiert, teilweise langweilte er sich wohl. Dennoch ist es auch in diesem Jahr gewesen, dass Dietrich sich an der Schule für das Wahlfach Hebräisch entschied, und damit seinem schon als Kind geäußerten Berufswunsch, Pfarrer zu werden, eine neue Entschiedenheit verlieh.
Das war einerseits nicht völlig überraschend, denn seine Mutter stammte aus einem Pfarrhaus. Ihr Vater, Dietrichs Großvater Karl Alfred v. Hase war von Kaiser Wilhelm II. zum Hofprediger in Potsdam ernannt worden. Auch der Bruder seiner Mutter, sein Patenonkel Hans v. Hase war Pfarrer. Und auch in der im Schwäbischen beheimateten Familie des Vaters gab es reichlich Vorfahren im Pfarrberuf.
Andererseits musste Dietrich sich schon als Kind dem Gespött seiner großen Brüder erwehren, die es allesamt als unter ihren Möglichkeiten ansahen, ein „beschauliches Pfarrerdasein“ anzustreben, wie sie es nannten.. Und wir wissen, dass auch sein Vater Karl Bonhoeffer, der berühmte Nervenarzt an der Charité, insgeheim so dachte. Doch ein beschauliches Leben war auch nicht das, was Dietrich vorschwebte, und ist es ja auch ganz und gar nicht geworden. Und wenn eines ihrer Kinder eine Entscheidung über den Berufswunsch getroffen hatte, wurde dieser von den Eltern Bonhoeffer auch respektiert und anerkannt.
Dennoch liest sich der Konfirmationsspruch wie eine entschiedene Selbstbehauptung gegen seine Brüder: „Ich schäme mich des Evangeliums nicht …“!
Warum? Denn die „Frohe Botschaft ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben.“
Das hat Dietrich Bonhoeffer wohl für sich selbst so erlebt. Sein Gottesglaube half ihm, mit einem traumatischen Erlebnis seiner Kindheit fertig zu werden: mit dem Tod seines älteren Bruders Walter. Als Soldat im Ersten Weltkrieg erlag er am 28. April 1918 im französischen Francourt im Alter von 18 Jahren einer schweren Verletzung. Alle litten schwer an diesem Verlust, besonders aber die Mutter. Und neben den eigenen Schmerz trat für den jungen Dietrich das Bedürfnis, seiner Mutter Trost spenden zu können. Sensibel wie sie war, wird sie das wohl wahrgenommen haben. Zu seiner Konfirmation sollte Dietrich schließlich von seiner Mutter die Konfirmationsbibel von Walter geschenkt bekommen….
Die Frohe Botschaft von der unbedingten Liebe und Zuwendung Gottes ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben.
Dietrich war mit vielen Talenten gesegnet und hat sich in der großen Familie und unter überaus privilegierten Bedingungen sowie in einem die Bildung überaus wertschätzenden Umfeld frühzeitig beachtliche Fähigkeiten erworben - intellektuell, sprachlich, musikalisch und im Zwischenmenschlichen.
Dietrich wollte mit seinen Möglichkeiten gerne sein, was Simon Petrus sich für sich gar nicht so recht vorstellen konnte: ein Menschenfischer.
Dietrich war bestens darauf vorbereitet. Das zeigte sich zum Beispiel, als er sich während seines Theologiestudiums im Kindergottesdienst der Grunewaldgemeinde engagierte.
Eberhard Bethge schreibt in seiner Biographie: (S. 123)
„Entsprechend der kirchlichen Vorschriften hatte ein Theologiestudent zum ersten Examen ein Zeugnis seines zuständigen Superintendenten beizubringen, dass er sich in örtlicher Gemeindearbeit betätigt habe. … An der Grunewaldkirche amtierte Dietrichs Konfirmator Hermann Priebe. Die Verantwortung für die Kindergottesdienste trug jedoch der vierzigjährige Pfarrer Karl Meumann. Zu ihm ging Bonhoeffer nun jeden Freitagabend in den engeren Vorbereitungskreis. Sonntags hielt er, meist schriftlich präpariert, eine Kinderkatechese. … In seiner Gruppe predigte Bonhoeffer den Kindern so massiv wie möglich. Die biblischen Geschichten machte er spannend wie eine Sage oder anheimelnd wie ein Märchen. Die schönsten Mittel, meinte er, seien gerade recht.“
Seine Schwester Susanne erzählt in ihren Erinnerungen „Aus dem Leben der Familie Bonhoeffer“, welchen Erfolg er (und sie mit ihm) dabei hatten:
„Der ganze Kindergottesdienst war, seit Dietrich mitmachte, enorm gewachsen. Es hatte sich in der Schule herumgesprochen, dass es da ‚knorke’ wäre. Mammutgruppen, zu denen keiner mehr hinzukommen durfte, hatten aber nur Dietrich und ich.“
Talente und Fähigkeiten. Ein Thema, das auch uns heute beschäftigt. Wir können uns fragen: Was kann ich eigentlich ganz gut? Und wie kann ich das so einsetzen, dass die frohe Botschaft zum Klingen gebracht wird, dass meine Mitmenschen daraus einen Gewinn haben, womöglich sogar Trost und Zuversicht schöpfen?
2)
Ob Dietrich etwas anfangen konnte mit dem Bild vom Menschenfischen im Evangelium des heutigen Sonntags, ist nicht überliefert. Eine Katechese oder eine Predigt von ihm zum Text kennen wir nicht. Die deutsche Übersetzung des griechischen Originals hält uns eine Falle bereit, in die wir nicht tappen sollten. Die sprachliche Nähe von „Fische fangen“ und „Menschen fangen“ könnte zu Assoziationen verleiten wie: Da zappeln Menschen in Netzen, geködert mit falschen Versprechungen, ihrer Freiheit beraubt, dem Tode geweiht. Doch im Griechischen werden zwei ganz unterschiedliche Vokabeln benutzt und das Verb bei Menschenfangen meint: lebendig gefangen nehmen, das Leben schenken, beleben, wiederbeleben. Damit hätte Bonhoeffer sicherlich mitgehen können.
Schon als junger Mensch hat Dietrich klare Positionen vertreten können. Peter H. Olden, einer seiner Klassenkameraden am Grunewald-Gymnasium erzählt 1946 nach dem Krieg und dem Tod Dietrich Bonhoeffers vom 24. Juni 1922, als unweit der Schule in einer Kurve der Koenigsallee Walther Rathenau, Außenminister der jungen Weimarer Republik, in seinem Wagen von Mitgliedern der rechtsradikalen Organisation Consul erschossen wurde:
„Ich erinnere mich an Bonhoeffer vor allem am Tage des Rathenau-Mordes. Der Durchschnitt unserer Klasse im Grunewald-Gymnasium war 17, er und G.S., der seinem Leben im Exil ein freiwilliges Ende gesetzt hat, waren erst 16. Ich erinnere mich an die Schüsse, die wir während des Unterrichts hörten, und dann in der Pause im Schulhof wurde bekannt, was geschehen war… Ich erinnere mich auch noch des leidenschaftlichen Entrüstungsausbruchs meines Freundes Bonhoeffer, des spontanen und tiefen Ärgers … Ich erinnere mich, dass er fragte, wo es denn mit Deutschland hinkommen solle, wenn man ihm seine besten Führer ermorde. Ich erinnere mich daran, dass ich es bewunderte, dass man so genau wissen konnte, wo man stand.“
Bonhoeffer hat auch später gewusst, wo er stand. Angesichts der heraufziehenden Nationalsozialismus hat er messerscharf analysiert, mit welchen unlauteren Mitteln Hitler und seine Gefolgsleute das Volk hinter sich bringen wollten.
Am 1. Februar 1933 - zwei Tage nach der Machtergreifung Adolf Hitlers, so fügte es sich - trat Dietrich Bonhoeffer vor das Mikrofon des „Vox-Hauses“ um im Auftrag der Rundfunkabteilung im Evangelischen Pressverband einen Vortrag in der „Berliner Funkstunde“ zu halten. Zwei Tage, nachdem Hitler den Jubel der Massen auf dem Wilhelmsplatz entgegengenommen hatte, sprach Bonhoeffer über die „Wandlungen des Führerbegriffs in der jungen Generation“.
„Jeder Führer wird sich der Begrenzung seiner Autorität bewusst sein müssen. Lässt er sich von den Geführten dazu hinreißen, deren Idol darstellen zu wollen, - und der Geführte wird das immer von ihm erhoffen – so gleitet das Bild des Führers über in das des Verführers … Führer und Amt, die sich selbst vergotten, spotten Gottes.“
Menschen, die anderen einen Zugang zur unbedingten Liebe und Zuwendung Gottes aufschließen wollen, die im guten Sinne, im Sinne Jesu führen wollen, im rechten Sinne Menschenfischer sein wollen, werden sich nicht selbst in den Mittelpunkt stellen, sondern das Gegenüber, den Anderen. Kirche für Andere wird in wichtiges Schlagwort für Dietrich Bonhoeffer.
In Zeiten, in denen wir als Christenmenschen mehr denn je gefragt sind, erkennbar zu machen, wofür wir stehen, drängt sich die Frage auf: In welcher Haltung und mit welchem Selbstverständnis begegnen wir den anderen um uns her?
Und weiter gefragt: Wie stellen wir uns zu jenen Führern heute, die nur sich und ihr eigenes Wohl sehen, statt dem Recht aufzuhelfen, die nicht überzeugen wollen, sondern manipulieren, die unbedingte Loyalität wollen und nicht zu Selbstständigkeit und Freiheit im Geist und Handeln anregen.
3)
Der Denkspruch auf dem Konfirmationsschein gibt Römer 1, 16 in einer leicht verkürzten Form wieder: (Luther 1912:) Denn ich schäme mich des Evangeliums von Christo nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben. Zu diesem Satz gehören aber auch noch die Worte: die Juden vornehmlich und auch die Griechen. Paulus bezieht sich hier darauf, dass die ersten Christen ihrer Herkunft nach Juden waren, und erst später auch Heiden zu den christlichen Gemeinden hinzugefunden haben.
Für Dietrich Bonhoeffer hatten diese letzten Worte des Verses damals offenbar keine größere Bedeutung. Sie waren ihm vielleicht nicht mehr als eine historische Reminiszenz. Doch im Rückblick beginnen sie besonders zu klingen.
Schon damals gehörten zu seinem Konfirmandenjahrgang Altersgenossen wie Gerhard Leibholz. Gerhard Leibholz war getauft und ließ sich nun konfirmieren. Nach den Rassegesetzen der Nationalsozialisten zählte er als Jude. Er wurde ein Freund der Familie, später der Mann von Dietrichs Zwillingsschwester Sabine. Für den jungen Dietrich gehörten jüdische Nachbarn, natürlich auch solche, die sich ausdrücklich zu ihrem Judentum bekannten, zur Grunewalder Normalität. Und es war ihm von Kind auf fremd, Menschen nach bestimmten Kriterien wie Herkunft, Aussehen, politischer oder religiöser Überzeugung u.a.m. eine verschiedene Wertigkeit zuzuordnen.
Später sollte zu seinen engsten Freunden Franz Hildebrandt gehören. Nach den Rassegesetzen der Nationalsozialisten galt er als Halbjude. Bonhoeffer und Hildebrandt hatten sich im Studium kennengelernt und sie strebten 1933 ein gemeinsames Pfarramt an. Das wurde ihnen durch die Einführung des sog. Arierparagraphen in der Ev. Kirche verunmöglicht. Dieser Paragraph sah vor, dass Menschen wie Franz Hildebrandt nicht in den kirchlichen Dienst treten, bzw. aus ihm entfernt werden müssen.
Schon im April 1933 hatte Bonhoeffer in einem Vortrag „Die Kirche vor der Judenfrage“ dazu gesagt:
„Der getaufte Jude ist Glied unserer Kirche. Damit stellt sich die Judenfrage für die Kirche anders als für den Staat. Der Staat, der die christliche Verkündigung gefährdet, verneint sich selbst. Das bedeutet eine dreifache Möglichkeit kirchlichen Handelns dem Staat gegenüber: 1. Die an den Staat gerichtete Frage nach dem legitim staatlichen Charakter seines Handelns. 2. Der Dienst an den Opfern des Staatshandelns. Die 3. Möglichkeit besteht darin, nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen.“
So entschieden dachten zu diesem Zeitpunkt nur wenige. Doch Bonhoeffer und Hildebrandt ließen nicht locker. Ihr gemeinsamer Standort damals: Die Ev.. Kirchengemeinde Dahlem, wo Martin Niemöller Pfarrer war. Und als im Herbst 1933 der Pfarrernotbund gegründet wurde, aus dem dann die Bekennende Kirche erwuchs, gehörte die Absage an den Arierparagraphen zu den Grundsäulen.
Der Selbsterhöhung der Nationalsozialisten stellt Bonhoeffer die Solidarität der Sünder entgegen. Niemand ist der Gnade Gottes würdig. Bonhoeffer hätte sich wiedergefunden in den Worten des Petrus: „Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.“ Denn Schrecken hatte ihn erfasst, und alle, die mit ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten, ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten.
In den Entwürfen seiner Ethik hat Dietrich Bonhoeffer später sinngemäß festgehalten: Wer die Juden verstößt, verstößt auch Christus. Wer den Juden nicht hilft, macht sich schuldig an den geringsten Brüdern Jesu Christi. Und Heil gibt es nicht gegen die Juden!
Bonhoeffer denkt hier nicht tagespolitisch, sondern er nimmt seine Bibel zur Hand und macht die Haltung zu den Juden zu einer Bekenntnisfrage.
Wir, die wir heute Kirche sein wollen, sollten uns fragen: Welche Menschen werden heute benachteiligt, verleumdet, schikaniert, angegriffen, verfolgt? Und wie können wir sie schützen? Denn das ist unser Auftrag!
4)
Die Nationalsozialisten haben Dietrich Bonhoeffers Arbeitsmöglichkeiten immer weiter beschnitten. Die Predigerseminare, in denen er im Auftrag der Bekennenden Kirche Vikare ausbildete, wurden vom Staat geschlossen. Doch mundtot und handlungsunfähig konnten sie ihn nicht machen. Etwa 1938 schloss sich Dietrich Bonhoeffer dem militärischen Widerstand gegen die Nationalsozialisten an.
Persönlich war er bestens vernetzt. Seine Grunewalder Jugendfreunde, seine Brüder, seine Schwager waren in leitenden Positionen im Staatswesen beschäftigt und in ihrer Haltung gegen die Nationalsozialisten unbeirrt. Insbesondere sein Freund Hans v. Dohnanyi, Mann seiner Schwester Christine, war als Jurist zunächst im Reichsjustizministerium tätig und hat das Vorgehen der Nationalsozialisten genauestens verfolgt und das Unrecht auch dokumentiert. 1939 wurde er als Sonderführer für die Abwehr des Oberkommandos der Wehrmacht unter der Leitung von Admiral Wilhelm Canaris angefordert. Dort formierte er den militärischen Widerstand gegen die Nationalsozialisten. Dietrich Bonhoeffer wurde offiziell zum Mitarbeiter der Abwehr und nutzte diese Deckung, um im Auftrag der Widerständler Kontakte im europäischen Ausland zu halten und fortzuentwickeln, die im Falle eines erfolgreichen Attentats auf Hitler und des anschließenden Umsturzes von großem Nutzen hätten sein können.
1934 hatte Dietrich Bonhoeffer bei der Ökumenischen Friedenskonferenz auf Fanö mit Verweis auf die Bergpredigt Jesu pazifistische Positionen bezogen. Nun ringt er mit der Frage, ob ein Tyrannenmord zu rechtfertigen sei: Darf ein Christ gegen das Gebot „Du sollst nicht töten?“ verstoßen? Er will der Verantwortung nicht ausweichen und meint, dass es Situationen geben kann, in denen man bereit sein muss, Schuld auf sich zu laden.
Seit dem 5. April 1943 ist Dietrich Bonhoeffer im Wehrmachtsgefängnis Tegel interniert. Der Vorwurf lautet auf „Wehrkraftzersetzung“. Dank einiger Mitverschwörer wird der Prozessbeginn immer wieder verschoben.
Das fehlgeschlagene Attentat vom 20. Juli 1944 bedeutet noch einmal einen Schub für das theologische Denken von Dietrich Bonhoeffer. Er muss nun davon ausgehen, dass seine Beteiligung an der Verschwörung entdeckt und er wie auch viele seiner Freunde und Verwandte hingerichtet werden wird.
Bereits in einem Brief vom 21. Juli 1944 hat Bonhoeffer die Diesseitigkeit dem Streben nach Heiligkeit entgegengesetzt:
„Wenn man völlig darauf verzichtet hat, aus sich selbst etwas zu machen – sei es einen Heiligen oder einen bekehrten Sünder oder einen Kirchenmann (eine sogenannte priesterliche Gestalt), einen Gerechten oder einen Ungerechten, einen Kranken oder Gesunden – und dies nenne ich Diesseitigkeit, nämlich in der Fülle der Aufgaben, Fragen, Erfolge und Misserfolge, Erfahrungen und Ratlosigkeiten leben –, dann wirft man sich Gott ganz in die Arme, dann nimmt man nicht mehr die eigenen Leiden, sondern das Leiden Gottes in der Welt ernst, dann wacht man mit Christus in Gethsemane, und ich denke, das ist Glaube, das ist metanoia (Umkehr) und so wird man ein Mensch, ein Christ.“
Er meinte jedoch keine
„platte und banale Diesseitigkeit der Aufgeklärten, der Betriebsamen, der Bequemen oder der Lasziven, sondern die tiefe Diesseitigkeit, die voller Zucht ist, und in der die Erkenntnis des Todes und der Auferstehung immer gegenwärtig ist.“
Ein Christ überlässt sich ganz Gott und wird so zum wahren Mitmenschen. Widerstand und Ergebung finden hier zusammen.
Die Radikalität dieses Denkens wird schnell von ihrer vermeintlichen Schlichtheit verdeckt. Doch sie sollte für Dietrich Bonhoeffer eine große Wirkmächtigkeit entwickeln, die ihn in gewisser Weise auf seine Anfänge im Glauben zurückführt: „Ich schäme mit des Evangeliums von Christus nicht, denn es ist eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben.“ Im Gefängnis aller Handlungsmöglichkeiten beraubt besteht seine Freiheit darin, sich dem Willen Gottes zu ergeben.
Ein tiefes Gottvertrauen ist ihm offenbar in dieser letzten Zeit eigen. Es findet seinen Ausdruck in den Versen eines Gedichts, das er zum Jahreswechsel 1944/45 einem Brief an seine Verlobte Maria von Wedemeyer beigibt. Es ist das letzte schriftliche Zeugnis, das von ihm erhalten ist.
Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.
Noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
das Heil, für das du uns geschaffen hast.
Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.
Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann wolln wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört dir unser Leben ganz.
Lass warm und hell die Kerzen heute flammen,
die du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.
Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang.
Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.
Gegen alles Wissen, alle Plausibilität und allen Augenschein lässt sich Petrus auf Jesus ein. Er lässt alle Erkenntnis des Fischerdaseins hinter sich und vertraut dem Wort Jesu: Er fährt hinaus auf den See, tagsüber und wirft die Netze aus, wo der See tief ist. Und siehe da: Sie fingen eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen.
Welch wunderbare Verheißung liegt auf dem Vertrauen, das Petrus in Jesus setzt. So voll hätte Bonhoeffer im Gefängnis den Mund nicht genommen. Seine Aussicht ist schlichter, und wirkt viel bescheidener, und ist doch zugleich von großer Kraft: Er rechnet nicht mit einer Belohnung für seinen Einsatz und für sein Vertrauen. Er enthält sich aller Vorstellungen, die wie billige Vertröstungen wirken könnten. Er vertraut schlicht auf Gottes Zusage, die im Kreuz Christi offenbar geworden ist: Gleich, was Dir widerfährt: Ich bin bei dir am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag. Amen
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