Unser Jahresspendenprojekt 2014

Foto: Copyright 2013 Asociación Manos AbiertasDie Geburtsklinik von Manos Abiertas in Guatemala-Stadt – Ein Fels in der Brandung

Es ist ein ständiges Dröhnen und Knattern. Die bunten Busse Guatemalas können anstrengend sein, besonders, wenn sie dicht am Fenster vorbeifahren. Auch wenn die Mauern des Hauses von Manos Abiertas, kolonial-dick, den größten Lärm schlucken. Der nächste Bus hinterlässt eine schwarze Staubwolke. In ihrem Schutz öffnet sich die Tür und ein junges Mädchen schlüpft herein. Einen Moment braucht sie, um sich im rosafarbenen Haus zu orientieren. Vielleicht ist sie zum ersten Mal hier.

„Wenn ein Mädchen zu uns kommt, das noch nicht schwanger ist oder schwanger war, ist das ein großer Erfolg.“, sagt Hannah Freiwald. „Meistens lassen sich die Mädchen und jungen Frauen erst dann  beraten, wenn sie aus Versehen schon ein Kind bekommen haben. So etwas wie ‚Vorsorge‘ gibt es in den ärmeren Familien nicht. Selbst, wenn sich die Mädchen selber gerne beraten lassen würden. Die Entscheidung, wofür in der Familie Geld ausgegeben wird, tragen die Männer: die Väter oder Ehemänner. Ein Arztbesuch ‚ohne Not‘, etwa für Schwangerschaftsberatung, einen Krebsabstrich oder für Verhütungsmittel ist nicht vorgesehen.“

Das Wissen um gesunde und sichere Schwangerschaften und Geburten, Familienplanung, Vermeidung von Ansteckung durch AIDS und andere Geschlechtskrankheiten – für viele Mädchen und Frauen in Guatemala gehört das nicht zum Allgemeinwissen. Obwohl der Staat vor sechs Jahren ein Gesetz verabschiedet hat, das Aufklärungsunterricht in den Schule vorsieht und Zugang zu Verhütungsmitteln. Umgesetzt im Alltag ist das nur notdürftig: Für die Bewohnerinnen von Ciudad Vieja, im Großraum von Guatemala-Stadt gelegen, gibt es eine einzige Vorsorgesprechstunde im Krankenhaus des Nachbarorts – an einem Mittwochvormittag.

Überhaupt, die Zahlen! Die Geburtenrate in Guatemala liegt bei über 5 Kindern. In den sehr armen, ländlichen Gebieten sind zehn Kinder üblich. Pro tausend Geburten sterben dreißig Säuglinge und drei Mütter. Das ist die höchste Rate in Zentralamerika. Die Kaiserschnittrate in kostenlosen staatlichen Kliniken liegt bei 54%.

Hannah Freiwald kennt die Zahlen und die Menschen, die dahinter stehen. Vor 25 Jahren kam sie selber aus Deutschland hierher. Frisch verheiratet mit einem Guatemalteken – und schwanger. Auch sie konnte im Krankenhaus nicht verhindern, dass ein unnötiger Kaiserschnitt gemacht wurde.

Aber warum ausgerechnet in den staatlichen Kliniken, die doch besonders auf die Kosten achten müssten?

„In den staatlichen Kliniken ‚sammeln‘ die Ärzte Kaiserschnitte. Damit können sie sich an Privatkliniken bewerben, die besser bezahlen. Außerhalb der Klinik gibt es für die Schwangeren nur die Möglichkeit, das Kind entweder alleine oder mithilfe einer selbsternannten Hebamme zur Welt zu bringen, einer comadrona ohne formelle Ausbildung.“ Vor fünf Jahren gründete Hannah Freiwald, die ihre Hebammenausbildung in den USA absolvierte, den Verein Manos Abiertas, der die Klinik inmitten von  Ciudad Vieja betreibt. Wie ein Fels in der Brandung steht das rosafarbene Haus. Es ist Beratungsstelle und Geburtshaus. Hier kann man, professionell betreut, sein Kind auf natürliche Weise zur Welt bringen.

Professionell? Woher haben die Hebammen von Manos Abiertas ihre Ausbildung?

Hanna Freiwalds Augen beginnen zu funkeln. „Wir haben mit einer Universität in Guatemala-Stadt einen Studiengang entwickelt. Hier kann man jetzt zum ersten Mal eine Ausbildung zur Hebamme machen – als Bachelor.“ Wir gehen durch die hellen, freundlich eingerichteten Entbindungsräume.  Es sieht irgendwie europäisch aus. Als würde sie meine Gedanken erraten, sagt sie: „Weißt du, wie der Studiengang offiziell heißt? ‚Interkulturelle Entbindungstechnikerin‘. Das war das Zugeständnis, das wir wegen unserer modernen und ganzheitlichen Entbindungsmethoden machen mussten.“

Dank Manos Abiertas hat sich in Ciudad Vieja einiges geändert. Inzwischen sind 15 Prozent der Frauen Patientinnen hier. Die Sprechstunde kostet 3,50 €. Mehr können sie in dieser Gegend nicht bezahlen. Mehr würde im Familienhaushalt der Frauen auffallen. Spendengelder werden eingesetzt, um kleinere und größere Eingriffe zu ermöglichen. Am wichtigsten dabei sind das Sponsoring von Geburten, das Vornehmen von Krebsabstrichen und die Hilfe beim Erwerb von Verhütungsmitteln. Ganz neu ist, dass Männer wegen einer Vasektomie, einer Sterilisation, ins rosa Haus kommen. „Das Bewusstsein wächst, dass man sich als Familienoberhaupt um alle seine Kinder kümmern muss. Dass auch die Mädchen in die Schule gehen und nicht nur zusammen mit der Mutter auf ihre kleinen Geschwister aufpassen müssen.“

Das Mädchen aus dem Bus hat seinen Besuch beendet und schlüpft wieder auf die Straße. Der nächste Bus nähert sich mit lautem Hupen.

Das Gespräch führte Katrin Neuhaus, Deutschsprachige Ev.-Lutherische Epiphanias-Gemeinde Guatemala (www.laepifania.org)

 

Die deutschsprachige Gemeinde vor Ort begleitet das Projekt hautnah und wird weiter berichten.

Weitere Infos und Bilder unter www.asociacionmanosabiertas.org

Der Gemeindekirchenrat der Grunewaldgemeinde hat die Geburtsklinik Manos Abiertas in Guatemala-Stadt zum Jahressspendenprojekt 2014 erklärt. Den Startschuss setzen wir mit dem diesjährigen Weihnachtsmarkt am 1. Advent. Spenden Sie für Manos Abiertas! Gemeinsam können wir spürbar helfen!

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