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Das mögliche Missverständnis beim Aufruf zur Gelassenheit

Von Peter Nusser

Wir werden überschüttet mit Aufrufen zur Gelassenheit. Eine ganze Lebenshilfe-Industrie hat sich entwickelt: die Buchhandlungen sind voll mit esoterischen Schriften; auf den Sportplätzen und in Parks sieht man Menschen unter Anleitung bei Atemübungen; in den Krypten der Kirchen wird Yoga geübt, denn die körperliche Entspannung fördert die seelische; ‚Psychotechniker’ verdienen gut mit beschwörenden Reden –„ ruhig, ganz ruhig, nichts kann stören…“ usw. Das mühevolle Ringen um Gelassenheit ist soziologisch aus den Lebensbedingungen der Leistungsgesellschaft genügend erklärt worden. Sind die erwähnten Psychotechniken die richtigen Mittel, um diesen die Hektik und auch die intellektuelle Kurzatmigkeit hervorrufenden Lebensbedingungen zu begegnen? Sollten wir also vor allem der Gelassenheit das Wort reden und sie einüben? Wie sollten Christen sich verhalten? Das Problem liegt in einem Missverständnis, das sich aus der Forderung nach Gelassenheit leicht ergibt. Gerade für Christen sei Gelassenheit wichtig, höre ich. Immerhin habe Jesus sich 40 Tage in die Einsamkeit, in die Wüste zurückgezogen, um dort Gelassenheit zu finden – was nicht ganz stimmt, denn in diesen Tagen der Versuchung ringt er den Teufel nieder. Im übrigen sind Rückzug und Meditation in christlicher Tradition kein Selbstzweck, sondern Ansporn zu einer den Mitmenschen dienenden Tätigkeit. Mit dem Abstreifen des Alltags, dem Leer-Werden, ist es auch für die christlichen Mystiker nicht getan. Soll der Funke Gottes (Meister Eckart) in die geöffnete Seele fallen, so soll er doch auch etwas entzünden. Welches Feuer da entfacht werden soll – darüber ist bei den heute Meditierenden freilich seltener die Rede. Gelassenheit für sich genommen jedenfalls genügt keineswegs. Wer sie über die Tätigkeit setzt und den dialektischen Zusammenhang dieser beiden Haltungen nicht sieht, fällt leicht in die Abgleitung der ‚Lässigkeit’. ‚Lass mal’, ‚lass doch laufen’, ‚lass mal die anderen machen’ sind Redewendungen, in denen sich diese Einseitigkeit spiegelt. Wer das ‚Reich Gottes’ auf Erden aufbauen möchte, wozu wir doch als Christen aufgefordert sind, muss mehr als Gelassenheit in sich tragen. Als Grundstimmung des ‚Sich-aufgehoben-Fühlens’ mag sie für viele Menschen bedeutsam sein. Wirklich fruchtbar wird sie nur im Zusammenspiel mit der Anstrengung. Anstrengung ist etwas anderes als Rastlosigkeit und Hektik – sie ist von Verantwortung getragen. Aber in welche Richtung sollten unsere Anstrengungen uns führen? Darüber zu hören und miteinander zu reden, und zwar konkret und realitätsbezogen, gehört auch zu den Erwartungen, die man gerade im Advent, in der Zeit des ‚Hereinbrechens der Zukunft’ (lat. adventus), in der Kirche haben darf.

Dr. Peter Nusser ist em. Professor für Deutsche Philologie an der Freien Universität Berlin