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Du sollst nicht stehlen
Von Dirk Baude
Das Ägyptische Totenbuch enthält bereits um 1500 v. Chr. eine Reihe
von Unterlassungen, die ein sterbender Hofb eamter nach Art einer
Lebensbeichte angab, erfüllt zu haben. Eine Unterlassung lautete:
Ich habe nicht gestohlen. Im Buddhismus existieren die fünf Silas,
Verhaltensweisen, die es zu vermeiden gilt. Eine davon lautet: Nehmen
von nicht Gegebenen. Auch für Christen stellt das Diebstahlverbot
einen elementaren, für alle Zeit gültigen Rechtsgrundsatz dar. In
biblischen Erzählungen als sündhafte und verbrecherische, gegen
Volksgemeinschaft und Gott gerichtete Handlungsweise, wird Diebstahl
zusammen mit Mord, Ehebruch und Lüge in einer Reihe aufgeführt.
Diebstahl ist formal juristisch ein Tatbestandsmerkmal der jeweiligen
Strafrechtsnormen. Bedeutet dies aber, daß es außerhalb dieser Normen
per se keinen Diebstahl geben kann? Wohl kaum. Diebstahl, das Entwenden
von fremdem Eigentum, wird nämlich in einem gigantischen Ausmaß
global betrieben – nur wird er nicht als solcher wahrgenommen, weil
er kein Tatbestandsmerkmal der gültigen Strafrechtsnormen ist. Der
global in großem Maßstab begangene Diebstahl wird vielmehr als Ausbeutung
betrachtet, als das Aufb rauchen nicht nachwachsender, natürlicher
Ressourcen. Nehmen von nicht Gegebenem In der Regel muß aber zuerst
gestohlen werden, etwas genommen werden, was einem nicht gegeben
wurde, um es ausbeuten zu können. Häufig wird der Diebstahl nicht
als solcher erkannt, da er verdeckt wird von offi ziellen Vereinbarungen
mit einem scheinbaren Eigentümer, zum Beispiel einem Staat oder
einer internationalen Organisation. Wem gehören beispielsweise die
Erdölvorkommen im Golf von Mexiko? Wem gehören die Fische der atlantischen
Afrikaküste, die von subventionierten EU-Fischereiflotten abgefischt
werden, und wem gehören die Naturschätz e am Südpol? Wem wurden
diese gegeben? Nichts anderes als Diebstahl ist es, wenn sich einzelne
Staaten neue Gebiete, die bisher noch von Niemandem „gestohlen“
wurden, aneignen. Im Moment der Aneignung nimmt sich der „Dieb“
das Recht raus, zukünftig Eigentümer zu sein und über Ressourcen
zu verfügen – weil kein „Eigentümer“ sich dagegen stellt. Doch,
wenn gegeben wurde, wem wurde gegeben? Der Erde? Der Natur? Den
Lebewesen? Den Menschen? Handeln nach ethischen Grundsätz en Nun
stellt sich in Anbetracht der Größenordnung, mit der wir es zu tun
haben, allen, die nach ethischen Grundsätz en handeln wollen, unwillkürlich
die Frage, was man als Einzelner gegen Diebstahl tun kann. Jeder
Einzelne kann in seiner konkreten, greifb aren Umwelt gegen Diebstahl
vorgehen, das ist klar. Im weiteren Schritt ist es möglich, sich
über einzelne Firmen hinsichtlich ihrer ethischen Unternehmensgrundsätz
e zu informieren. Eine sehr aufwendige Vorgehensweise, wer hat schon
die Zeit dafür? Mit etwas Glück erfahren wir dann, dass beispielsweise
ein führender Büroartikelhersteller für seine Pinselstiele eine
Zeit lang im malaysischen Regenwald Tropenwaldbäume abholzen ließ.
Oder, dass eines der größten privaten Erdölunternehmen der Welt
plant, im Amazonasgebiet nach Ölvorkommen zu suchen, in einer Region
unkontaktierter indigener Völker. Durch das Ausweichen auf andere
Anbieter können Geschäftsstrategien von Unternehmen direkt beeinflusst
werden. Am stärksten werden Unternehmen in unserem Wirtschaftssystem
jedoch durch den Verlust von Kapitalgebern beeinfl usst. Diese Investoren
sind beispielsweise Aktienfonds, Versicherungen und Banken. Mit
jedem Euro also, den wir in eine Kapitalanlage investieren, mit
jedem Euro, den wir auf unserem Konto bei der Bank haben, unterstützen
wir möglicherweise indirekt eine Entwicklung, die wir als moralisch
verwerfl ich einstufen – es sei denn, wir geben unser Geld gezielt
an glaubwürdige und transparente Institutionen, die mit der Hilfe
von externen Beiräten und Ausschlusskriterien konkret auf Ethik,
Nachhaltigkeit und Moral setz en. Dann tun wir nicht nur etwas gegen
Diebstahl, sondern auch etwas gegen Menschenrechtsverachtung und
Kinderarbeit.
Dirk Baude ist Vorstand der
UmweltfinanzAG Berlin
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