 |
Aktuell |
|
 |
Gelassenheit im Advent
Von Monika Linnekugel
Zunächst einige Erklärungen zum Begriff: Gelassenheit ist eine
Haltung. Sie ist keineswegs eine Entdeckung unserer Zeit. Bereits
in der griechischen Philosophie ging es u.a. um Gelassenheit als
„Freisein von Unruhe“, eine Gelassenheit, die durch „Seelenfestigkeit“
entsteht und dazu führt, mit „gleicher Seele“ auch schwierige Situationen
auszuhalten und „Gleichmütigkeit“ zu erreichen. Der auf diese Weise
„Gelassene“ ist fähig, Widersprüche so auszutarieren, dass das innere
Gleichgewicht ungestört ist. Die Gelassenheit wurde wieder entdeckt
als eine Möglichkeit, uns nicht krankmachendem Stress (Disstress)
auszuliefern. In unserer durch die fortschreitende Technik sich
ständig ändernden Umwelt ist Gelassenheit die Fähigkeit, Dinge wieder
auf sich beruhen zu lassen, Zeit zu haben für Andere und Anderes
sowie Gegebenheiten, die nicht änderbar sind, hinzunehmen. Die Adventszeit,
die Zeit der Vorbereitung auf Jesu Geburt, war ursprünglich eine
Fastenzeit – für uns noch erkennbar am Violett der Antependien.
In Jahrhunderten haben sich viele Bräuche entwickelt. Adventskranz,
Adventslieder, besinnliche Zeiten bei Kerzenschein sind uns lieb
und wert. Zu einer ruhigen Vorbereitung Gelassenheit einzufordern,
erscheint überflüssig. Aber in den letzten Jahrzehnten kamen moderne
Elemente auf, die durchaus als störend empfunden werden und mit
der christlichen Tradition nichts zu tun haben. In Kaufhäusern und
Supermärkten gibt es Adventsgebäck und Dekorationsangebote schon
ab September. Die Elektrifizierung von Fenstern, Balkonen und Gärten
mit blinkenden Lichtschlangen, grellbunt flackernden Sternen und
Rentiergespannen sowie das Gedudel sehr weltlicher „Weihnachtsschlager“
vermitteln ein fremdartiges „Adventsgefühl“. Wer trotz aufdringlicher,
verfrühter und lauter Reize einen besinnlichen Advent gestalten
möchte, dem hilft Gelassenheit. Die „Unwissenden“ haben ein Recht
darauf, diese Zeit auf ihre Art zu begehen; nicht hochmütig sollten
wir im Umgang damit sein, sondern gelassen die Gegebenheiten, die
wir nicht ändern können, hinnehmen. Einkaufsrummel und Hektik in
unserer Umgebung müssen uns nicht überwältigen. Einkehr und Einkauf
gehören beide zur Adventszeit. Mir hilft es, wenn ich mich bei Musikgedudel
beim Einkauf und angesichts blinkender Leuchtelemente in den Fenstern
auf die gemütliche Runde daheim bei Kerzenschein und dem gemeinsamen
Lesen einer Geschichte freue. In dieser Weise, die störenden Einflüsse
zuzulassen, hat die Gelassenheit ihre Berechtigung. Zeitmangel oder
falscher Umgang mit der vorhandenen Zeit führen schnell zu Stress,
und dann fällt es schwer, gelassen zu sein. Berufstätige und besonders
berufstätige Eltern sind im Advent stark gefordert. Dieser Zustand
ist mir im Rückblick auf meine Zeit als berufstätige Mutter dreier
Kinder in Erinnerung. Zu den üblichen Pflichten kommen die adventstypischen
Besorgungen und Vorbereitungen. Stress entsteht, wenn zu viele Aufgaben
in kurzer Zeit realisiert werden sollen und wir unser Leben immer
schneller takten. Wir sind der Zeit nicht ausgeliefert, sondern
können selbst entscheiden, wie wir sie verbringen. Wichtig sind
Zeiträume, die wir uns ganz bewusst freihalten für wiederkehrende
Handlungen und Abläufe, für Rituale. Diese Unterbrechungen der Alltagshektik
geben uns Gelassenheit im Umgang mit der Zeit. Für die Adventszeit
bedeutet das, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen und zu überlegen,
was vielleicht nicht jetzt oder heute erledigt werden muss und wer
aus der Familie mithelfen kann. Ich habe erlebt, wie die Adventszeit
für mich weniger hektisch wurde, je mehr die Kinder beim Backen,
Vorbereiten und Schmücken mitgeholfen haben. Gelassenheit im Umgang
mit der Zeit möge Ihnen eine besinnliche Adventszeit ermöglichen!
Monika Linnekugel ist Gemeindeglied in Linde und ehrenamtlich in
verschiedenen Funktionen tätig, u. a. als Lektorin.
|
 |
|