|

|
Aktuell
|
|

|
Abenteuer Advent
Von Harald Grün-Rath
Zum Abenteuer gehört es, etwas zu entdecken, was überrascht,
weil es ungewöhnlich oder unerwartet ist. Dass der herbeikommt,
der erwartet wird, scheint ganz selbstverständlich und klar
zu sein: Natürlich kommt Jesus – und den kennen wir! Na ja,
mal sehen. Das fängt schon mit Johannes dem Abenteurer, dem
Täufer, an. Wo trat er mit seiner Botschaft auf und wie heißt
es richtig (beim Propheten Jesaja Kap. 40,3: vgl. Markus 1,3)?
„Eine Stimme ruft: In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg“
oder „Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den
Weg“? Ich habe dazu ein kleines Gedicht unter dem Titel „wüste
auslegung“ gemacht:
horch es ruft
aber wen
eine Stimme ruft
aber wo
in der Wüste
na und da stört`s nicht so.
Sie merken das Abenteuer der Auslegung oder die abenteuerliche
Auslegung, denn der Sinn des Textes verändert sich je nachdem,
wie ich lese. Adventszeit ist traditionell die Zeit, um sich
äußerlich und innerlich auf das Fest vorzubereiten. Dabei wird
sowohl an die Geburt Jesu als auch an sein Wiederkommen „am
Ende der Tage“ gedacht. Eine Zeit also, in der Menschen an Gottes
Zeit denken, die die jeweilige Zeit des einzelnen Menschen weit
überdauert („von Ewigkeit zu Ewigkeit“). Ein irisches Sprichwort
lautet: „Als Gott die Zeit gemacht hat, hat er genug davon gemacht.“
Das ist in unseren Tagen vielleicht für viele ein kleines Abenteuer:
sich ganz bewusst Zeit zu gönnen, eine „Aus-“Zeit, in der etwas
anderes stattfindet als das, was man schon immer macht. Einem
anderen Menschen ein Stück eigene Zeit zu widmen, sich selbst
zu schenken. Gott ist in der Zeit, er hat die Zeit in Händen:
„Das tut, weil ihr die Zeit erkennt, nämlich dass die Stunde
da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher,
als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt,
der Tag aber nahe herbeigekommen“ (Rö 13,11f). Dies ist die
Brieflesung am 1. Sonntag im Advent. Sich aufmachen, um vorbereitet
zu sein auf die Ankunft, auf die Gegenwart Jesu Christi, deshalb:
„Macht hoch (= öffnet)die Tür, die Tor macht weit.“ (Psalm 24
und Lied 1 im Gesangbuch) Und damit ist auch die Herzenstür
gemeint. Am zweiten Advent spielt das Wiederkommen Christi zum
Gericht die zentrale Rolle und unterstreicht damit den Charakter
der ernsthaften Einstimmung durch Fasten und neu denken (Buße).
Der dritte Advent nun bedenkt die Gestalt und das Tun Johannes
des Täufers und sein Verhältnis zu Jesus. Und dann am vierten
Advent wird der Blick auf Maria die mit den Müttern Israels
Jubelnde gelenkt: „Meine Kehle (Luther übersetzt „Seele“, was
deutlich macht, dass Leib und Seele zusammenhängen) erhebt den
Herrn“ (Lukas 1, 46ff; vgl. 1. Samuel 2). Schließlich die Geburt
Jesu: Maria „wickelte ihn in Windeln“, so übersetzt Luther Lukas
2,7 u. 12. Was stellen Sie sich unter „Windel“ vor? Das berühmte
Stoffstück 1x1m? Oder Wegwerfwindeln? Zur Zeit Jesu war Stoff
sehr teuer, dauernd neue Windeln waren nicht drin, das Stück
Stoff musste lange reichen, denn auch damals wuchsen die Kinder.
Lange reichen, möglichst ein Leben lang – da konnte die „Windel“
letztlich auch als Leichentuch verwendet werden. Bis zu 7 Meter
konnte sie lang sein, später als Untergewand oder als Turban
getragen werden, ein Stück Stoff, das also das gesamte Leben
umspannte. Einige Schneisen durch den Advent habe ich für Sie
geschlagen, aber die eigene Abenteuerlust, das eigene Entdecken,
langsam von Kerze zu Kerze, von Geschichte zu Geschichte, das
macht den Advent interessant und besinnlich. In diesem Sinne
eine gesegnete Zeit!
Harald Grün-Rath ist Superintendent des Kirchenkreis Wilmersdorf
|

|
|