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Liebe Leserinnen und Leser!

Manchmal sind die Wirtschaftsbosse mit uns unzufrieden. Dann nämlich, wenn es mit unserer Begehrlichkeit nicht stimmt und negative Auswirkungen auf die Wirtschaft sich ergeben oder zumindest zu befürchten sind. Unsere Begehrlichkeit wird als ein wesentlicher Motor der Wirtschaft angesehen, dessen Treibstoff die Werbung ist, die mein Interesse, etwas haben zu wollen wach und lebendig hält. Manchmal muss sie das sogar „künstlich“ bewirken, weil wir noch nichts oder nichts mehr von unserem Bedarf merke. In diesem Zusammenhang werden wir auf einen weitergehenden Aspekt aufmerksam gemacht: Mit unserem Bedarf dienen wir nicht zuerst uns selbst, sondern der Konjunktur. Schlimm wäre es, wenn der Wirtschaft durch uns die Stimmung vermiest würde. Überhaupt ist es wohl so, dass unser Begehren ein wichtiger Motor in unserer Gesellschaft ist. Selbst unsere Religion wird so besungen: Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren, meine geliebete Seele, das ist mein Begehren. Umso mehr ist man verblüfft über die Worte am Ende der Gebote Gottes: Du sollst nicht begehren… Worte, die Luther sogar in zwei Gebote, in das neunte und zehnte Gebot aufteilte. Selbst ein fast vergessenes Lied hat er dazu verfasst: „Dies sind die heilgen zehn Gebot „. Die zehnte Strophe lautet so: „Du sollst deins Nächsten Weib und Haus begehren nicht, noch etwas draus: du sollst ihm wünschen alles Gut, wie dir dein Herz selber tut. Kyrieleis.“ Alle Strophen enden so – mit der Bitte um das Erbarmen Gottes. In doppelter Weise hinsichtlich unserer Begehrlichkeit, als ob wir an dieser Stelle besonders gefährdet seien. Spontan stimmt mein Gefühl dieser nachhaltigen Bitte um das Erbarmen Gottes zu, weil ich weiß, wie sehr das Habenwollen unser Leben bestimmt. Spätestens im Doppelpack der beiden letzten Gebote wird ganz deutlich gemacht, dass es im Grunde nicht um die Einhaltung um bloße Äußerlichkeiten geht, sondern um das, was mich in meinem tiefsten Inneren bewegt. Der Abschluss der Gebotsreihe macht etwas von ihrem Kern, den Regungen des eigenen Herzens sichtbar, die sich in unseren Wünschen und Neigungen, Vorsätzen und Absichten abbilden. Dieser innere Anspruch steckt letztlich in allen Geboten, dessen wesentliche Bemessungsgröße für den Besitz der Mensch war. In seinem Besitz achtete man ihn selbst als den Besitzer, nicht einen abstrakten materiellen Wert oder einen rein juristischen Eigentumsbegriff. Oft denke ich, dass sich dieser Sachverhalt in sein Gegenteil verkehrt hat:, dass der Besitz Maßstab für den Menschen ist. Was einer ist, wird zunehmend gemessen an dem, was er hat. Dem gegenüber verweist uns das Gebot auf unser Verhältnis zum Mitmenschen und nicht auf den rein materiellen Besitz! Wir haben allen Grund, den inneren Kern der Gebote mit allem Ernst zu verinnerlichen, wenn wir uns um Menschlichkeit im Sinne Gotteswirklich bemühen wollen. Ein erster Schritt dazu ist, sich die eigene Begehrlichkeit einzugestehen und das damit verbundene Unwesen zu erkennen. Das Gebot vermag mehr als solches Anerkennen. Es sagt: Begehrlichkeit lässt sich eingliedern. Wenn wir einen Menschen lieben- eine wohltuende Beziehung zu ihm spüren, merken wir, dass unser Begehren sich verändert zu einem positiven Prozess des Angesehen- und Anerkanntwerdens.

 

Ihr Pfarrer Wolfgang Wagner, Kreuzkirche

   

 

 

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