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Du sollst nicht begehren

Wussten Sie schon…

…dass diese beiden Gebote ursprünglich eines sind, wie es auch hier in dieser Ausgabe deutlich werden soll?

…warum man sie auseinander genommen hat? Zur Erinnerung: Zu Beginn lässt Luther das Wort weg, welches beginnt: „Du sollst dir kein Bildnis machen…“. So verschiebt sich die Zählung gegenüber der altkirchlichen und der reformierten Tradition. Darum muss Luther hier am Schluss dieses Wort zu zwei verschiedenen Geboten auseinander nehmen, um wieder auf die Zahl 10 zu kommen.

…dass das Wort „Chamad“ – begehren – nicht nur einen inneren Wunsch meint, sondern ein aktives Greifen nach dem Besitz des Mitmenschen? In Ex 34,24 heißt es: „Niemand soll dein Land begehren, während du dreimal im Jahr hinaufziehst“ (es geht um die Wallfahrten nach Jerusalem). Ähnlich auch in Mi 2,2: „Sie begehren Felder und nehmen sie. Sie unterdrücken einen Mann und sein Haus“. An diesen Stellen ist also nicht nur der Wunsch, der Neid, die Missgunst gemeint, sondern der reale Übergriff.

…was dann überhaupt noch der Unterschied ist insbesondere zu den beiden Worten: „nicht stehlen“ und „nicht ehebrechen“? Diese beiden Worte beziehen sich auf illegale und strafbare Handlungen. Das Begehren hingegen beschreibt die legalen und gesellschaftlich anerkannten Mittel und Wege, den Besitz und die Frau des Mitmenschen an sich zu reißen. Das war vor allem über die Schuld-Knechtschaft möglich, wenn ein Mensch seine Schulden nicht zurückzahlen konnte und so zum Sklaven des Gläubigers wurde. Eine günstige Gelegenheit dafür war etwa eine längere und ungewisse Abwesenheit des Mannes (z.B. im Krieg). Ein spannender Gedankenanstoß für uns heute: Welche gesetzlich legalen und gesellschaftlich anerkannten Mittel und Wege gibt es, Hab und Gut und evtl. auch Familie des Mitmenschen an sich zu reißen? Was kann dem dieses letzte Wort des Dekaloges entgegensetzen?

…dass es hier um den Besitz und alle Menschen, die daran hängen, geht, um die Gesamtheit der Lebensgrundlage, um die Grundlage der Freiheit? Die soll geschützt werden vor Übergriffen. Damit jeder Mensch in der Freiheit leben kann, die Gott für uns will, und die geschützt werden soll durch diese 10 Gottesworte.

…dass Luther auch dieses Gebot in seinem Katechismus noch viel weiter fasst? Er sagt, es reicht nicht, die falsche Aussage bzw. Anklage vor Gericht gegen den Mitmenschen zu unterlassen, sondern wir sollen nicht den Ruf des Mitmenschen verderben, vielmehr ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum Besten kehren. Da klingt das heute so viel besprochene Thema Mobbing an. Da kommen wir ins Nachdenken darüber, welchen Schaden wir mit unseren Worten anrichten können.

Anna Nguyen-Huu