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Stehlen - eine Beziehungstat

Von Jürgen Rieger

Von Jürgen Rieger n der Nacht zum 20. Mai wurde in Paris der bisher spektakulärste Kunstdiebstahl verübt. Der oder die Einbrecher stahlen fünf Bilder der klassischen Moderne im Wert von 100 Millionen Euro. Da diese Bilder wegen Ihres Bekanntheitsgrades auf dem Kunstmarkt nicht zu verkaufen sind, gehen die Ermittler davon aus, dass die Täter Lösegeld erpressen wollen. Wann, wo, bei wem - diese Fragen bleiben offen. Denn Kriminelle, die sich auf Diebestour begeben, müssen u.U. einen langen Atem haben. Schon die Planung ihrer (Un) Tat - soll sie denn gelingen – braucht viel Zeit, in der mit Fantasie und Erfindungsgeist alle Möglichkeiten der Durchführung und deren Risiken bedacht sein wollen. Ich weiß von Menschen, die „einen Bruch gemacht“ haben, also in ein Haus oder in eine Wohnung eingebrochen sind, dass sie das Objekt ihrer Begierde so lange Wochenbzw. Monatelang beobachtet haben, bis sie mit allen Gewohnheiten der Bewohner vertraut waren. Und nach der Tat müssen sie sich bedeckt halten, damit sie nicht auffallen, etwa durch veränderte Lebensgewohnheiten oder durch plötzliche ungewöhnliche Liquidität. Aber nicht jeder Dieb kann und will sich Zeit leisten. Oft lässt er sich zum Stehlen verleiten, weil er gerade jetzt etwas braucht – so etwa Geld um sich z.B. Drogen zu verschaffen. Während sich Profis, zu denen sicherlich auch die Geldautomatenbetrüger gehören, überlegen, ob und wo und wann sich ihnen eine Gelegenheit bieten könnte, gibt es andere, die – ähnlich Triebtätern – geradezu unter einem psychischen Druck stehen, der sie zu ihrer Tat treibt. Und schließlich gibt es wieder andere, die das Abenteuer (des Stehlens) lieben, die ein Erfolgserlebnis brauchen oder die ganz einfach ohne den Adrenalinkick, der vor und bei der heimlichen Straftat ausgelöst wird, nicht leben können. Ich erinnere mich an einen – eigentlich liebenswerten - Mann, der kein Kaufhaus verlassen konnte, ohne illegal irgendeine Ware in seinen Taschen mit hinaus befördert zu haben. Er liebte den Nervenkitzel, das „kleine“ Stehlen war für ihn wie ein Spiel, so wie andere pokern, um am Ende der Runde sagen zu können: „Ich hab’s euch wieder mal gezeigt!“ Natürlich: irgendwie ist das Fehlgeleitet oder gar krankhaft. Aber jede Art von Stehlen – aus welchen Motiven auch immer – hat etwas Fehlgeleitetes bzw. Krankhaftes an sich. (Ausnahme ist vielleicht, was in der Sprache von Kriminellen mit „Fringsen“ bezeichnet wird -benannt nach einem Kölner Kardinal, der nach dem Krieg den Menschen in entbehrungsreicher Zeit gesagt hat: „Wenn euch kalt ist, holt euch Holz aus dem Wald; und wenn ihr Hunger habt, dann geht auf die Felder und sammelt Kartoffeln.“ Diese Erlaubnis von Diebstahl ist allerdings nicht generell und so zu verstehen, dass sie zu allen Zeiten gilt. Kriminelle sehen jedoch darin die Absolution für alle ihre Taten von höchster Stelle, denn in irgendeiner Not befinden sie sich immer. Aber eben dies könnte ja auch (fast) jeder Mensch von sich behaupten und so wäre das „Fringsen“ ein Freibrief für alle, der unser Miteinander schließlich an den Abgrund führen würde.) Stehlen ist krankhaftes Verhalten, weil die Motivation dazu aus einem ungesunden Geist geboren ist. Es besitzt darüber hinaus eine krankhafte Dimension, weil das Zusammenleben von Menschen gestört wird. Diebstahl ist – und das wird von kriminell veranlagten Menschen ganz selten gesehen – eine Beziehungstat. Sie betrifft immer (mindestens) zwei Menschen: einer ist Täter, der andere ist Opfer. Durch die Kriminelle Gewalt des einen entsteht Schaden bzw. Verlust beim anderen. Beide sind dadurch gleichzeitig betroffen und beteiligt: sie stehen in einer Beziehung zueinander, die dringend der Klärung bedarf. Für eine solche Auseinandersetzung ist es aber meistens zu spät, denn wenn die Tat einmal geschehen ist, ergeben sich für Täter und Opfer neue Probleme, die viele Emotionen auslösen können und deshalb den Zugang zum eigentlichen Problem verdecken. Im Blick auf die Methoden, mit denen Polizei und Justiz mit den großen und kleinen Dieben verfahren, müssen wir bekennen, dass solche notwendige Auseinandersetzung nur ganz selten geschieht bzw. gelingt. Insofern darf die Beschäftigung mit dem Phänomen „Stehlen, Diebstahl“ nicht allein irgendwelchen staatlichen Institutionen überlassen sein, sondern hier ist die Erziehung gefragt, zu allererst die Erziehung in den Familien, dann aber auch in Schulen und Kirchen. Im 7. Gebot wird uns gesagt, dass wir miteinander in Frieden leben können, wenn wir Leben und Eigentum des anderen bewahren helfen und schützen. Wir können Gott dafür dankbar sein, dass er uns mit seinem Wort diesen – für uns alle - heilsamen Weg eröffnet und ans Herz legt.

Jürgen Rieger, 1986 – 1990 Seelsorger in der JVA Moabit.