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Kann man Gott „haben“
? Die neue Sehnsucht nach der Begegnung mit Gott
Von Jochen Michalek
In den Kirchen spüren wir es. Auch in unserer säkularen Umwelt
können wir es beobachten: Die Erwartungen an spirituelle Erfahrungen
wachsen wieder. Viele suchen zunehmend nach Ganzheitlichkeit – verständlich
in einer Gesellschaft, die sich arbeitsteilig organisiert, in der
die Kommunikation technisiert und Individualismus großgeschrieben
wird. Und sie finden sie im Bereich des Religiösen, des Spirituellen.
Der moderne Mensch ist dabei frei, sich einen Anbieter seiner Wahl
zu suchen. Auch die Kirchen verzeichnen eine wachsende Nachfrage
nach spirituellen Angeboten. Fast könnte man sich darüber wundern,
denn noch immer haftet den Kirchen das Image an, bei ihnen ginge
es vor allem um das Fürwahrhalten bestimmter Glaubensgrundsätze
und der Gottesdienst sei eine Veranstaltung, in der die Übriggebliebenen
immer neu auf diese Grundsätze eingeschworen werden – allen sonstigen
Alltagserfahrungen und vernünftigen Einsichten zum Trotz. Viele
erkennen inzwischen, dass dieses Bild von der Zeit überholt ist.
Der sonntägliche Gottesdienst als die traditionelle Form christlicher
Spiritualität hat sein Gesicht gewandelt. Schon Martin Luther hatte
neu die bewegende Entdeckung gemacht, dass es gegenüber dem lebendigen
Gott nicht um ein (bloß äußerliches) Fürwahrhalten von Glaubenssätzen
geht, sondern um das schlichte, aber zugleich alles verändernde
Vertrauen in seine Liebe. Aus dem Vertrauen in seine Liebe Gottesdienst
zu feiern, macht aus dem Gottesdienst ein Fest. Im Vertrauen auf
seine Liebe zu Gott zu beten, macht aus dem Gebet ein Hören mit
dem Herzen. Auf der Suche nach dem Vertrauen in seine Liebe die
Bibel aufzuschlagen, macht aus den alten Texten Quellen gelingenden
Lebens in unserer Zeit. Ich finde, in diesem Geist werden heute
viele Gottesdienste begangen. In diesem Geist wird auch nach neuen
Formen christlicher Spiritualität gesucht. Taizé-Gebete, stille
Zeiten, biblische Betrachtungen, Meditation, Kontemplation, Exerzitien.
Bei unserer Suche stellen wir fest: Wir müssen das Rad gar nicht
neu erfinden. Gerade wir Protestanten können da einiges neu entdecken,
was zu unserem gemeinsamen Erbe mit der katholischen und auch den
orthodoxen Kirchen gehört. Wer genauer hinschaut, wird von der Vielfalt
überrascht sein. Diese Vielfalt ist ein wunderbares Geschenk. Denn,
wie meinte schon die große Karmeliterin Teresa von Avila: „Wie es
im Himmel viele Wohnungen gibt, so gibt es auch viele Wege dahin.“
Den eigenen Weg zu finden, das lohnt die Mühe. Die großen spirituellen
Lehrerinnen und Lehrer unserer Kirche waren zugleich selbst Gott-Sucherinnen
und -Sucher. Doch sie bewahrten auch eine Weisheit, auf die zu achten
für die Kirchen bei allen Bemühungen um neue spirituelle Formen
wichtig ist. Unsere Vorfahren im Glauben wussten, dass selbst die
tiefste Meditation eine Gottesbegegnung nicht erzwingen, nicht „machen“
kann. Nicht wir fassen Gott, sondern der lebendige Gott erfasst
uns, wenn es die Zeit sein soll. Solange aber liegt die Verheißung
darin, in meiner spirituellen Praxis mein Vertrauen in den Gott
der Liebe zu stärken, lebendig zu halten und zu vertiefen. Wer verspricht,
dass eine spirituelle Erfahrung zugleich eine Begegnung mit dem
lebendigen Gott oder dem Absoluten ist, wer verspricht, dass man
Gott „haben“ könne, schürt ein Begehren, das unter den Bedingungen
von Raum und Zeit ohne Erfüllung bleiben muss. Fragen wir uns lieber:
Was hilft mir, mich in das Licht Gottes zu stellen und seiner Liebe
gegenwärtig zu werden? Das richtet mich auf, macht mich frei, öffnet
mich für meine Mitmenschen und pflanzt mir eine Sehnsucht ein, die
so hartnäckig wie geduldig sein kann – in der Gewissheit, dass Gott
sie eines Tages erfüllen wird.
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