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Das neunte und zehnte Gebot
Von Dr. Hartwig Grubel
Mit diesen beiden Geboten beenden wir unseren Rundblick über
die zehn Gebote, von denen immer gesprochen wird, die aber kaum
noch einer kennt, geschweige denn bewusst danach lebt. Diese
letzten beiden Gebote richten sich nicht so sehr darauf, dass
jemand Haus, Knecht, Magd, Vieh oder alles, was dem Nachbarn,
dem Nächsten, gehört, betrachtet, als wolle er es haben, denn
das Stehlen ist schon im siebten Gebot besprochen worden. Nein,
es geht nicht ums Haben wollen, es geht ums Neiden, um Missgunst
und Bosheit, es geht, um es einmal mit den altertümlichen Worten
von Luthers Katechismus zu sagen, ums Begehren, und zwar aus
keinem anderen Grund als der Tatsache, dass der andre es hat,
nicht, dass es einem selbst nutzt. Und so ist der Neid denn
auch eines der am meisten verachteten aber wahrscheinlich ist
er zugleich eines der am meisten verbreiteten Laster. In der
alten und der römischen Kirche zählt der Neid zu den Todsünden,
weil er den Menschen selbst zerstört, ihn von sich selbst und
von Gott abwendet und den Gegenstand seiner Begierde zum Lebensinhalt
macht, sodass er nichts anderes mehr denken kann. Der Neid zerstört
den Beneideten und den Neider. Ja, der Neid zerstört auch sein
Ziel, den Gegenstand seiner Begierde. Denn es geht nicht um
das Haben, es geht um das Begehren. Er ist ausschließlich, der
Neid, und von der Missgunst gilt dasselbe. Warum ist das Begehren
eigentlich unter die Gebote aufgenommen worden? Eben deswegen.
Denn hier geht es nicht so sehr um eine bestimmte Tat – das
Begehren muss sich ja nicht äußern, es kann doch sein, dass
einer nur Ausschau hält, dass es ihn zwar wurmt, wenn der andere
etwas hat, das er ihm nicht gönnt, dass er aber gar nichts tut,
um es ihm zu entwenden, auch wenn der Neid in ihm frisst. Es
geht hier um eine Eigenschaft, die den Menschen verändert, die
irgendwann sein ganzes Wesen ausmacht, sodass er böse wird;
denn die Begierde lässt sich nicht stillen, sie beharrt und
wächst und wächst. Der Dieb mag stehlen, auch mehrfach, aber
er stiehlt nicht um des Stehlens willen, er sucht etwas zu erwerben,
um es zu nutzen. Der Neid aber ist nicht zu stillen, die Missgunst
wird nie befriedigt, die Bosheit kommt nie an ein Ende. Deswegen
sind diese Gebote die umfassendsten von denen, die sich auf
das menschliche Zusammenleben beziehen, denn sie beschreiben
die Abgründe der menschlichen Seele, das, was man verborgen
hält, bis es mit zerstörerischer Kraft heraus bricht, wenn es
sich nicht mehr beherrschen lässt. Und sie sollen dies hindern,
sie sollen zur Besinnung führen und den Blick auf das Wesentliche
lenken. Das führt uns zurück auf das erste Gebot, das uns nicht
dazu anhält, die Welt, in der wir leben, aus dem Blick zu verlieren,
sondern im Gegenteil das Notwendige und Sinnvolle zu erkennen
und zu tun und uns von falschen Zielen und Autoritäten nicht
ängstigen und nicht beirren zu lassen. Dann können wir auch
das Glück und den Erfolg des anderen ertragen. Das erste Gebot
heißt: Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen
Götter neben mir haben.
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